Gast unserer aktuellen Round Table Diskussion am 01.10.2019 war Frau Mag.a Nadja Lamei, die sich als Soziologin und Spezialistin von Datenerhebung und Datenanalyse bei der Statistik Austria lange mit der Armutsforschung auseinandersetzt und für uns an diesem Abend Zahlen und Fakten zur Armut und Armutsgefährdung in Österreich und der EU näher beleuchtete. Somit stand der Abend auch im Zeichen des SDG (Sustainable Development Goal) Nummer 1: Armut in allen ihren Formen und überall zu beenden.

Zunächst erfuhren wir, dass die Armutsforschung bestimmte Messkonzepte vorsieht, die für die Definition von Armut herangezogen werden und dass ausgehend von der jeweiligen Messung das Vorliegen von Armut zu bejahen ist oder nicht. Dabei differenziert man zwischen „absoluter“ und „relativer“ Armut. Während sich die „absolute“ Definition in der Regel an einem Warenkorb orientiert, wird die „relative Armut“ in Bezug gesetzt zu einem „mittleren Lebensstandard“ und berücksichtigt insbesondere auch die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe.

Die Armutsmessung in Österreich und der EU erfolgt seit den 1990er Jahren durch eine „amtliche“ Armutsberichterstattung in Form von Sozialberichten. Seit 2003 gibt es als neues Erhebungsinstrument EU-SILC (EU Statistik zu Einkommen und Lebensbedingungen). EU-SILC ermöglicht komparative Einkommensstatistiken und Statistik über Armut sowie soziale Ausgrenzung in der Europäischen Union und weiteren Ländern. Zudem gibt es methodische Weiterentwicklungen zur Schaffung präzisierter Erhebungsergebnisse. Beispielsweise werden neben der persönlichen oder telefonischen Datenerhebung auch Verwaltungsdaten für die Statistik herangezogen.

Als politischer Meilenstein auf dem Weg zur Schaffung einer Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen in der EU kann die Aufnahme eines Kapitels zur „Sozialpolitik“ im Vertrag von Amsterdam 1999 gesehen werden. In den Europäischen Räten von Lissabon und Nizza 2000 wurden dann die Ziele zur Beseitigung der Armut näher konkretisiert. Im Europäischen Rat von Laeken 2001 wurden Indikatoren zu sozialem Schutz und sozialer Eingliederung festgelegt. Seit 2010 wird die Umsetzung der Europa-2020-Strategie angestrebt, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, bis zum Jahr 2020 20 Millionen Menschen aus Gefährdungslagen herauszubringen. Für Österreich bedeutet dies, die Gruppe der armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Personen um 235.000 Menschen bis zum Jahr 2020 zu reduzieren. Im Jahr 2017 wurde die Europäische Säule Sozialer Rechte proklamiert, die beispielsweise Chancengleichheit, Arbeitsmarktzugang, Dynamische Arbeitsmärkte sowie faire Arbeitsbedingungen und öffentliche Unterstützung sowie sozialen Schutz vorsieht.

Gemäß EU-SILC ist von 2008-2018 ein Rückgang von 3,1% der Armuts- und Ausgrenzungsgefährdeten festzustellen. Aktuell sind noch 17,5% der Bevölkerung – das sind 1.512.000 Personen – von Armut- und Ausgrenzungsgefährdung betroffen. Das Ziel ist noch lange nicht erreicht, aber der Weg scheint zu stimmen. Besonders stark betroffen sind Langzeitarbeitslose, Personen mit nicht-europäischer Staatsbürgerschaft und Alleinerziehende.

Es gibt mehrere Ursachen, die zu einer Armutsgefährdung beitragen können. Insbesondere ist ein Konnex zu einer niedrigen Erwerbsintensität und einem niedrigen Einkommen erkennbar. Oft überschneidet sich die Armutsgefährdung mit einer Gesundheitsgefährdung. Armut entgegenwirken können sozialstaatliche Transfers. So zeigen die Ergebnisse von EUROSTAT und EU-SILC 2017, dass Sozialtransfers die Armutsquoten in der EU durchschnittlich um 32,4% verringerten und in Österreich sogar um 42%. Dies veranschaulicht einerseits, wie abhängig viele davon sind und andererseits, wie effektiv soziale Leistungen in Österreich sind.

Zu guter Letzt wurde die frauenspezifische Armut in Österreich thematisiert, für deren Feststellung es wieder auf die Messung ankommt. Bei einer Messung im Haushaltskontext wird der Lebensstandard über Haushaltseinkommen auf Haushaltsebene gemessen und unterschiedliche Haushaltsformen betrachtet. So gibt es beispielsweise nach EU-SILC 2018 mehr Alleinerzieherinnen und Einpersonenhaushalte, in denen Frauen armuts-oder ausgrenzungsgefährdet sind. Außerdem ist bei Frauenerwerbstätigkeit ein armutsreduzierender Effekt zu beobachten.

Die Gründe für Frauenarmut sind eng miteinander verbunden. Auch heutzutage übernehmen Frauen den Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Da oftmals nur begrenzte Kinderbetreuungsmöglichkeiten angeboten werden, sehen Frauen sich oft gezwungen Teilzeit zu arbeiten oder ihr Berufsleben zeitweise oder vollständig zu unterbrechen zugunsten der Familie. Solche Unterbrechungen wirken sich nachteilig auf Pensionen aus und auch bei Ersatzleistungen für Arbeitslose sind Frauen dann auf Grund der engen Koppelung an das Erwerbseinkommen tendenziell schlechter gestellt. Letztendlich ist das Armutsrisiko erhöht, wenn eine Kombination aus niedrigen Löhnen, Gehältern bzw. Pensionen sowie eine ökonomisch unsichere Haushaltsstruktur vorliegt.

Abschließend erklärte uns Frau Mag.a Lamei, wie bedeutend die Rolle der Datenerhebung ist. Daten ermöglichen Bewusstseinsschaffung und schaffen eine zahlengestützte Basis, auf deren Grundlage potentielle Entscheidungen, um gegen Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung vorzugehen, getroffen werden können.

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