ArbeitnehmerInnen weltweit freuen sich auf den Zahltag. Aber während ein Gehaltsscheck ein Gefühl der Erleichterung, Zufriedenheit oder Freude hervorrufen kann, kann er auch eine Ungerechtigkeit darstellen – eine deutliche Erinnerung an die anhaltenden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz.

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle – Gender Pay Gap – beträgt 20 Prozent. Das bedeutet, Arbeitnehmerinnen verdienen 80 Prozent dessen, was Männer verdienen. Für Frauen of colour, Migrantinnen, Frauen mit Behinderungen und Frauen mit Kindern ist das Gefälle sogar noch größer.

Die kumulativen Auswirkungen der Lohnunterschiede haben reale, tägliche negative Folgen für Frauen, ihre Familien und die Gesellschaft, insbesondere in Krisenzeiten. Die weitreichenden Auswirkungen von COVID-19 haben bis zu 95 Millionen Menschen in extreme Armut gestürzt. Weltweit lebt jede zehnte Frau in Armut. Wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, werden bis 2030 342,4 Millionen Frauen und Mädchen von weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag leben.

 

Was verstehen wir unter gleichem Lohnfür gleichwertige Arbeit?

Gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit bedeutet gemäß der Definition des Übereinkommens der ILO über gleiche Entlohnung, dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Anspruch auf gleiche Entlohnung nicht nur für identische Aufgaben, sondern auch für unterschiedliche Arbeiten haben, die als gleichwertig angesehen werden. Diese Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung, da die von Frauen und Männern ausgeübten Tätigkeiten unterschiedliche Qualifikationen, Fähigkeiten, Verantwortlichkeiten oder Arbeitsbedingungen erfordern können, aber dennoch gleichwertig sind und gleiche Bezahlung rechtfertigen.

Im Jahr 2020 verabschiedete Neuseeland das Gesetz zur Änderung des Gleichbehandlungsgesetzes, das sicherstellt, dass Frauen und Männer für unterschiedliche, aber gleichwertige Arbeit gleich bezahlt werden, auch in chronisch unterbezahlten, von Frauen dominierten Branchen.

Es ist auch wichtig zu erkennen, dass die Entlohnung mehr als nur das Grundgehalt umfasst; sie beinhaltet alle Elemente des Einkommens. Dazu zählen Überstundenvergütung, Boni, Reisekostenpauschalen, Unternehmensanteile, Versicherungen sowie weitere Leistungen.

 

Warum besteht der Gender Pay Gap weiterhin?

 Das geschlechtsspezifische Lohngefälle (Gender Pay Gap) hat seinen Ursprung in tief verwurzelten Ungleichheiten. Frauen, insbesondere Migrantinnen, sind im informellen Sektor überrepräsentiert. Schauen Sie sich um: vom Straßenverkauf bis zur Hausarbeit, von der Bedienung im Café bis zur Subsistenzwirtschaft. Frauen füllen informelle Arbeitsplätze, die oft außerhalb des Geltungsbereichs des Arbeitsrechts liegen, wodurch sie in schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsumgebungen ohne Sozialleistungen gefangen sind. Diese schlechten Bedingungen für Arbeitnehmerinnen perpetuieren das geschlechtsspezifische Lohngefälle.

Weltweit leisten Frauen außerdem täglich drei Stunden mehr Pflegearbeit als Männer. Dazu gehören Haushaltsaufgaben wie Kochen, Putzen, Feuerholz und Wasser holen sowie die Betreuung von Kindern und älteren Menschen. Obwohl Betreuungsarbeit das Rückgrat florierender Familien, Gemeinschaften und Volkswirtschaften ist, wird sie nach wie vor unterbewertet und nicht ausreichend anerkannt. Mit dem Rechner für unbezahlte Betreuungsarbeit von UN Women können Sie Ihre tägliche Arbeitsbelastung berechnen.

Die „Motherhood penalty“ verschärft die Lohnungleichheit, da berufstätige Mütter niedrigere Löhne erhalten, wobei diese Ungleichheit mit der Anzahl der Kinder einer Frau zunimmt. Die niedrigeren Löhne für Mütter hängen mit reduzierter Arbeitszeit, der Beschäftigung in familienfreundlicheren Berufen, die tendenziell schlechter bezahlt sind, Einstellungs- und Beförderungsentscheidungen, die die Karriere von Müttern benachteiligen, und einem Mangel an Programmen zur Unterstützung der Rückkehr von Frauen in den Arbeitsmarkt nach einer Auszeit zusammen.

Restriktive, traditionelle Geschlechterrollen tragen ebenfalls zu Lohnungleichheiten bei. Geschlechterstereotype halten Frauen von Berufen fern, die traditionell von Männern dominiert werden, und drängen sie in Pflegeberufe, die oft als „unqualifiziert“ oder „soft-skilled“ angesehen werden und daher schlechter bezahlt sind.

Darüber hinaus tragen diskriminierende Einstellungspraktiken und Beförderungsentscheidungen, die Frauen daran hindern, Führungspositionen und hochbezahlte Stellen zu erlangen, zur Aufrechterhaltung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles bei.

Warum ist Lohngleichheit ein dringendes Thema?

Lohngleichheit ist wichtig, weil sie eine eklatante Ungerechtigkeit darstellt und Millionen von Frauen und Familien zu einem Leben in tief verwurzelter Armut und mit Chancenungleichheit zwingt. Bei der derzeitigen Entwicklung laufen wir Gefahr, dass bis 2030 mehr als 340 Millionen Frauen und Mädchen in bitterer Armut leben und alarmierende 4 Prozent bis zu diesem Jahr mit extremer Ernährungsunsicherheit zu kämpfen haben.

Frauen genießen zudem einen deutlich geringeren Sozialschutz als Männer, eine Diskrepanz, die weitgehend ihre geringere Erwerbsbeteiligung, den höheren Anteil an befristeten und prekären Beschäftigungsverhältnissen sowie informeller Beschäftigung widerspiegelt und reproduziert. All diese Faktoren tragen zu einem geringeren Einkommen, geringeren Ersparnissen und geringeren Renten von Frauen sowie zu geschlechtsspezifischer Armut im Alter bei.

 

Was tun?

Da immer mehr Frauen in Armut geraten, gewinnt der Kampf für gleiche Bezahlung und Lohngleichheit eine neue Dringlichkeit, denn diejenigen, die am wenigsten verdienen, sind am stärksten von Einkommensunterschieden betroffen.

 In den Vereinigten Staaten verdienen schwarze Frauen nur 63,7 Cent, indigene Frauen 59 Cent und Latinas 57 Cent für jeden Dollar, den weiße Männer verdienen. Wenn das Geld knapp ist, kann eine geringere Bezahlung Frauen und Familien daran hindern, sich zu ernähren, eine sichere Unterkunft zu finden und Zugang zu wichtiger medizinischer Versorgung und Bildung zu erhalten – Auswirkungen, die den Kreislauf der Armut über Generationen hinweg aufrechterhalten können.

Es ist dringend notwendig, dass wir Arbeitnehmerinnen mit Arbeitnehmern gleichstellen. In einer Welt, die kurz vor einem drohenden Pflegedefizit steht, machen Frauen 67 Prozent der Arbeitnehmenden aus, die weltweit wichtige Gesundheits- und Sozialdienstleistungen erbringen. Die Regierungen müssen sich mit unterbezahlten und unterbewerteten Jobs im Pflegebereich befassen, darunter in den Bereichen Bildung, Gesundheitswesen und Sozialdienste – allesamt Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden.

Was sagen die Daten über die Lohngleichheit weltweit aus?

Ungleiche Bezahlung ist ein hartnäckiges und universelles Problem. Trotz bedeutender Fortschritte bei der Bildung und der Erwerbsbeteiligung von Frauen schreitet die Schließung der geschlechtsspezifischen Lohnlücke nur langsam voran. Bei diesem Tempo wird es fast 300 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Gleichstellung zwischen den Geschlechtern erreicht ist.

Das Durchschnittsgehalt von Arbeitnehmerinnen ist in allen Ländern, Bildungsniveaus und Altersgruppen generell niedriger als das von Männern. Im Durchschnitt verdienen Frauen 80 Prozent dessen, was Männer verdienen. Frauen in männerdominierten Branchen verdienen zwar möglicherweise mehr als Frauen in frauendominierten Branchen, aber das geschlechtsspezifische Lohngefälle besteht in allen Branchen fort.

Die Schätzungen zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle können zwar je nach Region und sogar innerhalb eines Landes erheblich variieren, doch weisen Länder mit höherem Einkommen im Vergleich zu Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen tendenziell ein geringeres Maß an Lohnungleichheit auf. Allerdings unterschätzen die Schätzungen zum Gender Pay Gap das tatsächliche Ausmaß des Problems, insbesondere in Entwicklungsländern, da es an Informationen über die informelle Wirtschaft mangelt, in der überproportional viele Frauen beschäftigt sind. Das Gesamtbild dürfte daher schlechter sein, als es die verfügbaren Daten vermuten lassen.

Hier geht’s zum Bericht von UN Women über den Gender Pay Gap in Ost- und Südafrika.

 

Wie geht es weiter?

Um den Gender Pay Gap zu beseitigen, bedarf es einer Reihe von Maßnahmen, die menschenwürdige Arbeit für alle fördern. Dazu gehören Maßnahmen, die die Formalisierung der informellen Wirtschaft vorantreiben, informell Beschäftigte unter den Schutz des Gesetzes stellen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Interessen besser zu vertreten.

 Die Gewährleistung des Rechts der Arbeitnehmer auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen ist ein wichtiger Teil der Lösung. Frauen müssen in Führungspositionen bei Arbeitgebern und Gewerkschaften vertreten sein, und es müssen Gesetze verabschiedet werden, die umfassende Rahmenbedingungen für die Gleichstellung der Geschlechter am Arbeitsplatz schaffen.

Dr. Jemimah Njuki, Leiterin der Abteilung für wirtschaftliche Stärkung bei UN Women, sagt: „Die geschlechtsspezifische Lohnlücke erfordert, dass alle Beteiligten, einschließlich Arbeitgeber, Regierungen und Gewerkschaften, die volle Verantwortung übernehmen und Seite an Seite daran arbeiten, diese Herausforderungen zu bewältigen. Frauen verdienen gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.“