Sieben von zehn Menschenrechtsverteidigerinnen, Aktivistinnen und Journalistinnen berichten von Online-Gewalt

Online-Gewalt greift auf das Offline-Leben über: Vier von zehn der befragten Frauen berichteten zudem von physischen Angriffen im Zusammenhang mit digitalem Missbrauch

Genf: Online-Gewalt gegen Menschenrechtsverteidigerinnen, Aktivistinnen und Journalistinnen hat einen Wendepunkt erreicht und führt zunehmend zu physischen Angriffen. Das zeigt ein neuer Bericht, der heute von der Europäischen Kommission und dem UN-Women-Programm ACT to End Violence against Women veröffentlicht wurde, in Partnerschaft mit Forschenden von TheNerve, City St George’s, University of London und dem International Center for Journalists sowie in Zusammenarbeit mit der UNESCO. Ohne starke Gegenmaßnahmen droht Online-Gewalt, Frauen aus digitalen Räumen zu verdrängen, mit Folgen für Demokratie und Meinungsfreiheit.

Der Bericht „Tipping point: The chilling escalation of violence against women in the public sphere“ zeigt, dass 70 % der befragten Frauen im Rahmen ihrer Arbeit Online-Gewalt erfahren haben. Darüber hinaus berichteten 41 % der Befragten von offline ausgeübtem Schaden, der im Zusammenhang mit Online-Missbrauch steht.

Für Journalistinnen ist der Zusammenhang zwischen digitaler Gewalt und realen Angriffen besonders besorgniserregend. In einer globalen UNESCO-Studie von 2020 führten 20 % der befragten Journalistinnen offline erlebte Angriffe oder Missbrauch auf Online-Gewalt zurück. In der neuen Umfrage von 2025, durchgeführt von denselben Forscherinnen und Forschern und in diesem Bericht vorgestellt, hat sich dieser Anteil mehr als verdoppelt, auf 42 %.

„Diese Zahlen bestätigen: Digitale Gewalt ist nicht virtuell – es ist reale Gewalt mit realen Konsequenzen“, sagte Sarah Hendricks, Direktorin der Abteilung für Politik, Programme und zwischenstaatliche Zusammenarbeit bei UN Women. „Frauen, die für unsere Menschenrechte eintreten, Nachrichten berichten oder soziale Bewegungen anführen, werden mit Angriffen überzogen, die darauf abzielen, sie zu beschämen, zum Schweigen zu bringen und aus dem öffentlichen Diskurs zu drängen. Immer häufiger enden diese Angriffe nicht am Bildschirm – sie enden an den Haustüren der Frauen. Wir dürfen nicht zulassen, dass digitale Räume zu Plattformen der Einschüchterung werden, die Frauen mundtot machen und die Demokratie untergraben.“

 

„Diese Daten zeigen, dass im Zeitalter von KI-gestütztem Missbrauch und wachsendem Autoritarismus Online-Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Leben zunimmt. Doch wirklich alarmierend ist, dass sich die offline erfahrene Gewalt von Journalistinnen im Zusammenhang mit digitaler Gewalt seit 2020 mehr als verdoppelt hat – 42 % der Teilnehmerinnen der 2025er-Umfrage berichteten von diesem gefährlichen und potenziell tödlichen Trend“, sagte Professorin Julie Posetti, Hauptforscherin und Direktorin der Information Integrity Initiative von TheNerve.

Der Bericht stellt zudem fest, dass fast jede vierte befragte Menschenrechtsverteidigerin, Aktivistin oder Journalistin KI-gestützte Online-Gewalt erlebt hat, darunter Deepfake-Bilder und manipulierte Inhalte. Schriftstellerinnen und Kommunikatorinnen (z. B. Social-Media-Content-Creators und Influencerinnen), die sich mit Menschenrechtsthemen befassen, sind mit 30 % am stärksten betroffen.

Der Bericht erscheint kurz nach Abschluss der weltweiten Kampagne „16 Tage Aktivismus gegen geschlechtsspezifische Gewalt“. Die diesjährige Kampagne widmet sich der Sensibilisierung für digitale Gewalt und fordert stärkere Gesetze und Richtlinien, die technologiegestützte Gewalt gegen Frauen als Menschenrechtsverletzung anerkennen; robuste Regulierung und Rechenschaftspflicht für Technologieunternehmen; Sicherheitsprotokolle und Unterstützungssysteme für Menschenrechtsverteidigerinnen, Aktivistinnen und Journalistinnen; sowie Investitionen in Forschung und Daten, um Trends zu beobachten, intersektionale Auswirkungen zu verstehen und evidenzbasierte Politikgestaltung zu unterstützen.

UN Women wird die Kampagne „16 Tage Aktivismus gegen geschlechtsspezifische Gewalt“ mit einer umfassenden Strategie abschließen, die darauf abzielt, technologiegestützte Gewalt gegen Frauen zu verhindern und darauf zu reagieren, mit Fokus auf Stärkung der Rechenschaftspflicht, Schließen von Wissens- und Datenlücken, Beschleunigung präventiver Maßnahmen und überlebenszentrierter Unterstützung sowie dem Aufbau größerer Resilienz und der Stärkung der Stimmen der Frauenrechtsbewegung und weiblicher Führungskräfte.