Zahl der Anzeigen wegen Online-Gewalt gegen Journalistinnen seit 2020 verdoppelt - Jede vierte Betroffene leidet unter Angststörungen oder Depressionen
Laut einer neuen Analyse von UN Women zensiert sich fast die Hälfte aller Journalistinnen aus Angst vor Online-Gewalt in sozialen Medien selbst. 22% geben an, sich auch in ihrer journalistischen Arbeit selbst einzuschränken.
NEW YORK: Im Vorfeld des Internationalen Tages der Pressefreiheit am 3. Mai veröffentlichten UN Women, TheNerve und Partnerorganisationen einen neuen Bericht über die zunehmenden und immer raffinierteren Formen digitaler Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Leben, insbesondere gegen Journalistinnen und Medienschaffende.
Dem Bericht Tipping Point: Online Violence – Impacts, Manifestations and Redress in the AI Age zufolge berichten 12% der befragten Menschenrechtsverteidigerinnen, Aktivistinnen, Journalistinnen, Medienarbeiterinnen und anderen öffentlich sichtbaren Kommunikatorinnen, dass persönliche Bilder ohne ihre Zustimmung verbreitet wurden, darunter intime oder sexuelle Inhalte. 6% geben an, Opfer sogenannter „Deepfakes“ geworden zu sein, während nahezu jede Dritte unerwünschte sexuelle Nachrichten über digitale Kommunikationskanäle erhalten hat.
Der Bericht zeigt, dass diese Form der Gewalt häufig gezielt und koordiniert eingesetzt wird, um Frauen im öffentlichen Raum zum Schweigen zu bringen und gleichzeitig ihre berufliche Glaubwürdigkeit und persönliche Reputation zu untergraben. Diese Strategie zeigt bereits Wirkung: 41% aller befragten Frauen geben an, sich in sozialen Medien selbst zu zensieren, um Missbrauch und Anfeindungen zu vermeiden. 19% berichten, dass sie aufgrund von Online-Gewalt auch ihre berufliche Arbeit einschränken.
Für Journalistinnen und Medienschaffende ist die Lage noch besorgniserregender: 45% dieser Gruppe gaben 2025 an, sich in sozialen Medien selbst zu zensieren, ein Anstieg um 50% seit 2020. Fast 22% berichteten zudem von Selbstzensur in ihrer beruflichen Tätigkeit.
Weitere Entwicklungen deuten darauf hin, dass Journalistinnen und Medienschaffende zunehmend rechtliche Schritte einleiten und Vorfälle bei der Polizei melden. 2025 war die Wahrscheinlichkeit, Online-Gewalt anzuzeigen, doppelt so hoch wie 2020: 22% meldeten Vorfälle der Polizei, verglichen mit 11% im Jahr 2020. Fast 14% leiten inzwischen rechtliche Schritte gegen Täter, Unterstützer oder Arbeitgeber ein – gegenüber 8% im Jahr 2020. Dies deutet auf ein wachsendes Bewusstsein und stärkeren Druck zur Rechenschaftspflicht hin.
Die Folgen dieser Gewalt für Gesundheit und Wohlbefinden sind gravierend. Laut Bericht wurde bei nahezu einem Viertel (24,7%) der befragten Journalistinnen und Medienschaffenden im Zusammenhang mit den erlebten Online-Angriffen Angststörungen oder Depressionen diagnostiziert. Fast 13 Prozent berichteten zudem von einer Diagnose posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS).
„Künstliche Intelligenz macht Missbrauch einfacher und schädlicher und beschleunigt damit den Abbau hart erkämpfter Rechte – in einem Umfeld demokratischer Rückschritte und vernetzter Frauenfeindlichkeit. Unsere Verantwortung ist es, dafür zu sorgen, dass Systeme, Gesetze und Plattformen mit der Dringlichkeit reagieren, die diese Krise erfordert“, sagte Kalliopi Mingerou, Leiterin der Abteilung zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen bei UN Women.
Gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Lücken beim rechtlichen Schutz vor Online-Gewalt. Wie die Weltbank bereits im vergangenen Jahr hervorhob, verfügen weniger als 40% der Staaten über Gesetze zum Schutz von Frauen vor Cyberbelästigung oder digitalem Stalking. Dadurch haben weltweit 44% aller Frauen und Mädchen, rund 1,8 Milliarden Menschen, keinen Zugang zu rechtlichem Schutz.