Warum die Männer-Fußball-Weltmeisterschaft 2026 eine Chance für die Gleichstellung der Geschlechter ist
Die Männer-Weltmeisterschaft 2026 wird voraussichtlich mehr globale Aufmerksamkeit auf sich ziehen als jedes andere Ereignis. Doch das Spiel, das die Welt bewegt, bleibt in seinen Grundstrukturen ungleich. Jede Weltmeisterschaft bietet die Chance, das zu ändern.
New York: Die Männer-Weltmeisterschaft 2026 dürfte mehr Menschen gleichzeitig erreichen als jedes andere Ereignis der Welt. Was der Fußball mit diesem Moment macht, wird weit über den Schlusspfiff hinaus wirken, bis hinein in das Leben jeder Frau und jedes Mädchens auf allen Kontinenten, denen jemals gesagt wurde, dass dieser Sport nichts für sie sei.
Während die Männer-WM 2026 Milliarden Fans über Grenzen und Kulturen hinweg verbindet, ruft UN Women dazu auf, diesen globalen Moment des Fußballs für das zu nutzen, was der Sport am besten kann: Menschen für ein größeres gemeinsames Ziel zusammenzubringen.
Die Daten sprechen eine klare Sprache: Fußball – und die Gesellschaft, die er widerspiegelt – bleibt hinter seinem größten Versprechen zurück: der Gleichstellung aller Frauen und Mädchen.
Fußball ist eine Kraft für Veränderung
Sport ist einer der wirksamsten Wege, Solidarität zu schaffen und Engagement für Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Im Jahr 2026 führt dieser Weg durch drei Gastgeberländer, in Milliarden Haushalte weltweit und vermutlich auf die meistbeachtete Bühne der Menschheitsgeschichte.
Die Männer-WM 2026 wird die erste Weltmeisterschaft mit 48 Teams und 104 Spielen sein. Gespielt wird in 16 Städten, mit voraussichtlich fünf Millionen Stadionbesucher*innen. Die Sponsoreneinnahmen werden auf über 2,8 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Keine Regierung, keine Kampagne und keine Institution verfügt über die Kraft des Fußballs, Milliarden Menschen gleichzeitig dieselben Emotionen erleben zu lassen. Wenn diese Kraft gezielt für Geschlechtergerechtigkeit eingesetzt wird, entsteht die derzeit wohl wirksamste, emotionalste und kulturell reichweitenstärkste Veränderungskraft der Welt.
Das Interesse am Frauensport ist ein globales Phänomen
Für die Weltmeisterschaft 2026 werden rund sechs Milliarden Kontakte über Fernsehen, Streaming-Dienste, digitale Angebote und öffentliche Übertragungen erwartet. Damit wird sie das meistgesehene Sportereignis der Mediengeschichte.
Schon die Frauen-Weltmeisterschaft 2023 erreichte fast zwei Milliarden Zuschauer*innen – die höchste Reichweite, die jemals für ein einzelnes Frauen-Sportereignis gemessen wurde.
Bis 2030 könnte Frauenfußball mehr als 800 Millionen Fans zählen und damit zu den fünf beliebtesten Sportarten der Welt gehören.
Die Frage lautet längst nicht mehr, ob die Welt Frauensport sehen will. Die Frage ist, ob der Fußball diesen Moment nutzt, um Gleichstellung mit derselben Entschlossenheit einzufordern, mit der er sportliche Höchstleistungen verlangt.
Die Sichtbarkeit des Frauensports erreicht Rekordwerte
Die Übertragungsrechte der Männer-WM 2026 werden voraussichtlich mehr als 4,2 Milliarden US-Dollar einbringen. Die Sponsoreneinnahmen werden über 2,8 Milliarden US-Dollar liegen. Die Zuschauerzahlen in den Stadien dürften einen seit 32 Jahren bestehenden Rekord brechen.
Das zeigt, was möglich ist, wenn der Fußball konsequent in sein Produkt investiert, seine Reichweite ausbaut und an sein wirtschaftliches Potenzial glaubt.
Im Vereinigten Königreich erreichte Frauensport im Jahr 2025 insgesamt 397 Millionen Sehstunden und 48 Millionen Zuschauer*innen, das ist ein neuer Höchstwert. In den USA wurden im selben Jahr 46 Milliarden Minuten Frauensport konsumiert.
Dennoch erhält Frauensport nur 8% der Sendezeit in den Hauptsendezeiten, obwohl er bereits 13% der dortigen Zuschauerstunden ausmacht.
Während der Männerfußball über Jahrzehnte die Infrastruktur aufgebaut hat, die heute Milliarden erwirtschaftet, erzielt der Frauensport bereits jetzt Ergebnisse, die seine bestehenden Strukturen übertreffen. Damit ist er gegenwärtig die größte Wachstumschance im Sport.
Die Lohnlücke ist enorm
Die FIFA rechnet allein im Jahr der Männer-WM 2026 mit Einnahmen von rund neun Milliarden US-Dollar. Für den gesamten Vermarktungszyklus von 2023 bis 2026 werden Einnahmen von 13 Milliarden US-Dollar erwartet, mehr als 70% über dem vorherigen Zyklus.
Auch der Frauensport wächst rasant: Die Einnahmen im Spitzensport der Frauen sollen 2026 auf drei Milliarden US-Dollar steigen, ein Plus von 340% innerhalb von nur vier Jahren.
Trotzdem findet sich auf der Forbes-Liste der 50 bestbezahlten Sportler*innen der Welt im Jahr 2025 keine einzige Frau.
Der Preisgeldtopf der Frauen-WM 2023 betrug lediglich ein Drittel der 440 Millionen US-Dollar, die bei der Männer-WM in Katar ausgeschüttet wurden, und das trotz einer Steigerung um 300 Prozent seit 2019.
Hier liegt der zentrale Widerspruch des modernen Fußballs: Derselbe Sport, der Rekordeinnahmen erzielt, hat Frauen bis heute nicht gleich bezahlt wie Männer.
Die Führungsetagen spiegeln die Fans nicht wider
Sechs Milliarden Menschen werden die Männer-WM 2026 verfolgen. Doch die Entscheidungen darüber, wie diese Plattform genutzt wird, welche Botschaften sie vermittelt und wem sie dient, werden in Führungsetagen getroffen, die die Vielfalt der Zuschauer*innen nicht widerspiegeln.
Eine Erhebung aus dem Jahr 2026 zeigt, dass Frauen nur etwas mehr als 32% der Führungspositionen in internationalen Sportverbänden innehaben.
Nach Angaben der FIFA sind weltweit lediglich rund 5% aller registrierten Fußballtrainerinnen Frauen. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 waren nur 13% der Trainerinnen weiblich.
Die Entscheidungen über das wirtschaftlich bedeutendste Turnier der Fußballgeschichte werden damit überwiegend von Menschen getroffen, die nie als Frau gespielt, trainiert oder den Sport aus weiblicher Perspektive erlebt haben.
Gewalt gegen Frauen und Mädchen bleibt weit verbreitet und unterfinanziert
Fußball verbindet Menschen weltweit. Die verfügbaren Daten zeigen jedoch auch, dass große Sportereignisse mit erhöhten Risiken von Gewalt gegen Frauen und Mädchen einhergehen können.
Eine Studie des Brasilianischen Forums für öffentliche Sicherheit und des Instituto Avon, die auf vier Jahren Mikrodaten aus fünf brasilianischen Großstädten basiert, ergab: An Spieltagen der lokalen Mannschaften steigen Drohungen gegen Frauen um 23,7% und körperliche Übergriffe um 20,8%.
Ähnliche Zusammenhänge wurden in den USA, England und Schottland festgestellt.
Auch Frauen, die im Fußball arbeiten, als Trainerinnen, Schiedsrichterinnen, Journalistinnen oder Funktionärinnen, erleben Belästigung, Missbrauch und Gewalt, die der Sport zu lange toleriert und zu selten erfasst hat.
Von lokalen Vereinen bis zur internationalen Ebene fehlen häufig wirksame Schutzmechanismen, Meldesysteme und unabhängige Untersuchungsverfahren.
Weltweit musste jede dritte Organisation, die sich gegen Gewalt an Frauen einsetzt, aufgrund von Finanzierungskürzungen Programme einschränken oder ganz einstellen. Dadurch erhalten Betroffene sowohl innerhalb als auch außerhalb des Sports weniger Unterstützung – gerade in einer Zeit, in der sie diese besonders benötigen.
Jeden Tag verlieren Mädchen den Zugang zum Sport
Irgendwo auf der Welt wird heute ein Mädchen zum ersten Mal ein WM-Spiel sehen.
Mädchen unter 14 Jahren verlassen den Sport doppelt so häufig wie Jungen. Nicht wegen mangelnden Talents oder fehlender Leidenschaft, sondern aufgrund von Hürden, die sich mit dem Alter verstärken: Armut, starre Geschlechterrollen, gesellschaftlicher Anpassungsdruck, körperliche Veränderungen, Sicherheitsbedenken und der Mangel an Vorbildern.
Mädchen, die Sport treiben, bleiben länger in der Schule, werden später schwanger und haben bessere Chancen auf gute Arbeitsplätze.
Mit dem Programm One Win Leads to Another hat UN Women bereits mehr als 3.200 Mädchen in Brasilien und Argentinien durch Sport in ihren Führungsqualitäten gestärkt.
Jedes Mädchen, das den Sport verlässt, bedeutet einen möglichen Verlust an Führungsstärke, Innovationskraft und gesellschaftlichem Wandel.
Brasilien wird 2027 die Frauen-Weltmeisterschaft ausrichten, die erste Frauen-WM überhaupt auf südamerikanischem Boden. 32 Teams werden in acht Städten antreten. Die Olympischen Spiele von Paris 2024 waren die ersten vollständig geschlechterparitätischen Spiele der Geschichte. Sie haben gezeigt, dass historische Fortschritte weiterhin möglich sind.
Jede Weltmeisterschaft bündelt die Aufmerksamkeit von Milliarden Menschen. Jede Weltmeisterschaft bietet die Chance, die Welt zu bewegen. Der Fußball hatte noch nie eine größere Bühne und nie eine dringendere Verantwortung, sie für die Gleichstellung aller Frauen und Mädchen zu nutzen.