Jeder 4. Haushalt in Gaza wird von einer Frau geführt - Der Krieg reißt Familien auseinander und verändert Haushaltsstrukturen

Trotz der Waffenruhe vom Oktober 2025 werden in Gaza seitdem jede Woche sechs Frauen und Mädchen getötet.

Kairo/Genf/New York, 8. September 2026: In Gaza wird inzwischen fast jeder 4. Haushalt von einer Frau geführt (schätzungsweise 86,290 Haushalte). Das entspricht etwa dem Doppelten des Anteils vor Oktober 2023: Damals wurde nur etwa jeder 9. Haushalt von einer Frau geführt. Dies geht aus einem von heute UN Women veröffentlichten Datenbericht hervor. Zu den betroffenen Frauen gehören Witwen sowie Frauen, deren Ehemänner vermisst werden, inhaftiert sind, schwere Verletzungen erlitten haben, gewaltsam verschwunden sind oder deren Schicksal weiterhin ungeklärt ist.

„Der Schmerz und das Leid gehen weit über den Verlust eines Ehemannes, Vaters oder anderen geliebten Menschen hinaus. Frauen, die in Gaza für ihre Haushalte verantwortlich sind, tragen unter katastrophalen Bedingungen die gesamte Verantwortung dafür, ihre Familien zu versorgen, zu schützen und ihre grundlegenden Bedürfnisse zu sichern“, sagte Moez Doraid, Regionaldirektor von UN Women für die Arabischen Staaten.

Nachdem Zehntausende Palästinenserinnen und Palästinenser bei israelischen Luftangriffen und Bodenoperationen getötet wurden, sind Frauen, die ihre Haushalte allein führen, gezwungen, wichtige Entscheidungen ohne Unterstützung zu treffen. Dazu gehört, wie sie Nahrungsmittel und eine Unterkunft beschaffen, humanitäre Hilfe erhalten, knappe Ressourcen verwalten und für ihre Familien sorgen können.

Erschwert wird dies durch bestehende Ungleichheiten, die den Zugang von Frauen zu Einkommen, Eigentum, Dokumenten, Dienstleistungen und Entscheidungsprozessen einschränken können.

Anhaltende Bombardierungen, Einschränkungen des humanitären Zugangs und ein gravierender Mangel an sicherem Trinkwasser, Lebensmitteln, Hygieneartikeln und lebensrettenden Dienstleistungen verschärfen diese Belastungen zusätzlich, so der Bericht.

Haushalte, die von Frauen geführt werden, sind in Gaza noch größeren Notlagen ausgesetzt als Haushalte, die von Männern geführt werden.

68 % der von Frauen geführten Haushalte verfügen nicht über eine angemessene Unterkunft, wobei es bei von Männern geführten Haushalten 55% sind.

Frauen, die für ihren Haushalt verantwortlich sind, berichten außerdem häufiger davon, dass ihre Wohnungen oder Häuser beschädigt oder vollständig zerstört wurden: 74% gegenüber 67% bei männlich geführten Haushalten. Auch von Vertreibung sind sie häufiger betroffen. Seit Oktober 2023 mussten Frauen, die ihre Haushalte führen, im Durchschnitt achtmal fliehen, während Haushalte unter männlicher Führung durchschnittlich siebenmal vertrieben wurden.

Der finanzielle Druck auf Frauen, die ihre Haushalte allein führen, ist enorm. Zwei Drittel dieser Haushalte benötigen dringend finanzielle Unterstützung, um überhaupt überleben zu können. Frauen, die ihre Haushalte führen, berichten zudem häufiger von Sicherheits- und Schutzproblemen. Fast jede fünfte dieser Frauen äußert entsprechende Sorgen. Bei Frauen, die in von Männern geführten Haushalten leben, ist es dagegen etwa jede zwölfte.

„Die Lebensrealitäten aller von Frauen geführten Haushalte anzuerkennen und entsprechend darauf zu reagieren, ist entscheidend dafür, dass Frauen wahrgenommen, erfasst, gestärkt und unterstützt werden. Die Waffenruhe muss vollständig umgesetzt werden. Humanitäre Hilfe muss diejenigen, die sie benötigen, in ausreichendem Umfang und ohne Behinderungen erreichen. Dabei muss sich die Hilfe an den Bedürfnissen von Frauen und Mädchen orientieren, einschließlich derjenigen, die selbst für ihre Haushalte verantwortlich sind“, sagte Doraid.

Die Tötung von Palästinenserinnen und Palästinensern in Gaza geht trotz der Waffenruhe weiter. Nach den neuesten verfügbaren Daten wurden seit Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens im Oktober 2025 insgesamt 246 Frauen und Mädchen in Gaza getötet. Darunter waren 137 Frauen und 109 Mädchen. Das entspricht durchschnittlich sechs getöteten Frauen und Mädchen pro Woche zwischen Oktober 2025 und dem 28. Juli 2026.

UN Women arbeitet vor Ort in Gaza mit von Frauen geführten Organisationen und Frauenrechtsorganisationen zusammen und unterstützt deren Bemühungen, lebensrettende Hilfe für die Menschen zu leisten, die sie am dringendsten benötigen. UN Women fordert die vollständige Umsetzung der Waffenruhe in Gaza, die Einhaltung des Völkerrechts sowie die strafrechtliche und politische Rechenschaft für Verstöße. Gleichzeitig müssen Frauen und Mädchen wirksam geschützt werden.